Der Aufstieg auf das Dach der Welt
Report von Geri Winkler
| Vor mehr als sieben Monaten habe ich meine Heimat verlassen, nun liegt die härteste Woche vor mir. Was habe ich doch für großartige und vergnügliche Abenteuer in dieser Zeit erlebt. Rekorde und sportliche Höchstleistungen habe ich dabei nie im Sinn gehabt, Lebensfreude und Genuss – darauf war ich aus gewesen und bin nie enttäuscht worden. Das Rad hat mir alle Türen geöffnet. Kein Verkehrsmittel ist besser geeignet, den Menschen in ihrer Ursprünglichkeit zu begegnen. Und ich habe mir Zeit genommen, bin an vielen Orten mehrere Tage geblieben. Keine kulturelle oder natürliche Schönheit habe ich ausgelassen, oft habe ich es genossen, bloß das einfache Dorfleben für eine Weile mitzuleben. Oft war es eine einsame Welt, das Leben auf seine Basis reduziert – die Wüste, ein Weg, mein Rad und ich. | ![]() |
Die Wanderung durch die Bergwelt Nepals bis ins Basislager habe ich als Fortsetzung meiner Radtour empfunden – reiner Genuss, bewegendes Erleben. Während all der Monate haben mir meine Vorräte an Insulin, Messstreifen und Charantea Tee ein Leben ohne Beschränkung ermöglicht. Nie in meinem langen Diabetikerleben habe ich derart gute Blutzucker-Werte gehabt wie auf meiner 8000 km langen Radtour und der darauf folgenden Wanderung. Nur am Mount Everest selbst, da habe ich nicht den Mut aufgebracht, an diesen Idealwerten festzuhalten. Der Berg ist zu steil, zu schwer, zu kalt, um an beliebiger Stelle auf eine Unterzuckerung reagieren zu können. Ich habe meine Blutzucker- Zielwerte deutlich über dem Normbereich angesetzt.
Der Tag des Aufstiegs: Um 20h, noch immer ist es windstill, bricht die Gruppe zum Gipfel auf. Ich bin wieder einmal zu spät dran, mein niedriger Blutzucker muss noch auf die richtige Höhe getrieben werden. Nun kämpfen sich zwei Gruppen (fünf und acht) im Schein der Stirnlampen Meter um Meter höher in der immer steiler werdenden Eiswand des Triangular Face. Langsam, kontinuierlich, ja nicht verausgaben!
Um 1:30 erreiche ich einen flachen Absatz, den Balcony in 8430 Metern Höhe. Hier würgen wir einige Kohlehydrate hinunter und versuchen so viel wie möglich zu trinken – eine richtige Qual. Im Dunkel der Nacht hebt sich die weiß-graue Silhouette des höchsten Berges der Welt ab, der markante Südgipfel und dahinter einige Zacken – eine davon muss der Hauptgipfel sein, 420 Meter über uns. Um 220 setzen wir unseren Anstieg über den Südostgrat fort, die Schritte werden immer langsamer. Immer wieder braucht jemand eine kurze Rast, es geht stockend voran. Mühsam ist es, die kurzen Felspassagen und eisigen Steilstufen zu überklettern – Atemlosigkeit.
Ein goldener Streifen am Horizont über dem tibetischen Hochplateau, bald wird der Tag den Blick auf die grandiose Bergwelt freigeben. Ich erreiche einen Mini- Gipfel, dahinter geht es wenige Meter hinunter in einen schmalen Sattel – der Südgipfel mit 8751 Metern Höhe. Ich spüre die wärmende Sonne, es scheint ein wunderschöner Tag zu werden, und stehe wie gebannt auf dieser zweithöchsten Anhöhe der Erde. Vor mir liegt der messerscharfe Gipfelgrat, der auf beiden Seiten Tausende Meter in die Tiefe abbricht. Mitten im Grat eine felsige Steilstufe - der legendäre Hillary Step. Hinter mir ragen Lhotse und Makalu (der viert- und fünfthöchste Berg der Welt) aus einer grandiosen Berglandschaft von Sechs- und Siebentausendern heraus, rechts von mir die unendliche Weite Tibets, fast 5000 Meter unter mir. Gegen 7h raffen wir uns ein letztes Mal auf. Trotz Atemlosigkeit pure Faszination auf diesem exponierten Grat! Der Aufstieg über den gefürchteten Hillary Step (Schwierigkeit III in 8800 Metern Höhe) erweist sich leichter als erwartet. Plötzlich wird der Gipfelgrat flach und breit, 80 Meter vor mir ein kurzer, waagrechter Schneegrat, geschmückt mit dem Bunt buddhistischer Gebetsfahnen – das Dach der Welt.
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Bewegende Augenblicke, die mir viel zu kurz werden. Nur langsam sickern all die überwältigenden Eindrücke in mein Bewusstsein. Ich setze mich auf den höchsten Punkt, neben mir das gerahmte Bild des Dalai Lama im Schnee. Der längste Anstieg auf dieser Erde hat hier sein Ende gefunden, doch Befreiung werde ich erst im Basislager verspüren. Der gefährlichste Teil der Besteigung liegt vor uns, der zweieinhalbtägige Abstieg. Erschöpfung und mangelnde Konzentration müssen wir in uns niederringen, wir dürfen uns keinen Fehltritt erlauben. Fünf Stunden später, nach mehr als achtzehn Stunden Kletterei, erreiche ich die Zelte am Südsattel.
Geschafft!
Vor 22 Jahren war ich bis zum Basislager des Mount Everest gewandert, habe den Berg aus der Nähe gesehen. Damals hat mich Miyo Langsangma, die Göttin, die auf dem Gipfel der Welt residiert, in ihren Bann gezogen. Wenige Monate später bin ich Diabetiker geworden. Alle Träume waren zerronnen. Langsam habe ich sie Schritt für Schritt zurück gewonnen. Nun, nach all den Jahren hat mich Miyo Langsangma wieder losgelassen. Ich wandere glücklich auf dem Weg nach Hause. |