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Bericht über die allgemeine Lage

Bericht von Dr. Erich Wolfrum.

Zwei sich aufhebende Bereiche sind zu besprechen: die Pharmaseite und unser System.

Von der Pharmaindustrie wird immer mehr angeboten, die Therapien werden immer besser, sind auf die verschiedensten Gegebenheiten abgestimmt und werden in einigen Jahren damit enden, dass durch Eingriff in unsere Zellstruktur und in unsere DNA die Bedrohung durch Diabetes gemildert oder behoben wird.
Der seit Jahrzehnten angestrebte „closed loop“, eine Möglichkeit der automatischen Insulingabe abhängig vom Blutzuckerspiegel, wird bald möglich werden. Aber auch die Pharmaindustrie übersieht dabei oft unsere sozialen Ängste vor dem gläsernen Patienten, es werden bereits Daten „in der Wolke“ gespeichert.

Die Therapievariante, bei welcher überschüssiger Zucker über Niere und den Harn abgeleitet wird, erweist sich als so sicher, dass es – neben Metformin – als zweite Therapiebasis empfohlen wird.

Unser Gesundheitssystem ist in einem katastrophalen Zustand. Abgesehen von den Angeboten der Wiener Gebietskrankenkasse, in deren Ambulatorien alle für uns notwendigen Maßnahmen, von der Schulung, der neuen Schulung bei Therapieänderung, alle Therapievarianten, etc. durchzuführen, scheinen alle anderen Bereiche traurig. Wir sind im Euro-Diabetes-Index von 2014 bei den Ergebnissen der Diabetestherapie auf dem letzten Platz, und ich behaupte, dass von den in Österreich lebenden rund 800.000 Betroffenen rund die Hälfte nicht genügend geschult und unbegleitet gefährlichen letzten Lebensjahren entgegengehen.

Es kennen sich viel zu wenig Hausärzte mit Diabetes aus, so dass trotz positiven Zuzahlungen nur einige in dem guten System Externer LinkTherapie Aktiv teilnehmen. Unsere Forderung, zu erkennen, welcher Arzt diabetesfit oder gar insulinfit ist, gleichgültig, ob Hausarzt oder Spezialist, wird nicht erfüllt. Trotz relativ guter Honorierung werden viel zu wenig Schulungen angeboten, und von Beratungen vor Ausbruch des Diabetes ist nichts zu finden.
Die vielen guten Therapievarianten bringen eine Gefahr für uns mit: sie werden viel zu oft von Ärzten verschrieben, welche keine Erfahrung mit der jeweiligen Variante haben. Zumindest mit einer größeren Gruppe von Patienten sollte der Arzt damit gearbeitet haben, bevor er sie mir verschreibt. Und es gibt Varianten, für welche noch keine Todesfallstatistik, etc. vorliegt, denn der Patentschutz endet oft bevor die Studie fertig ist.

Die Krankenkassen verhindern Schulungen durch Abrechnung nach Gruppengrößen, so dass Einzelne immer ungeschult bleiben. Auch den Besuch eines zweiten Hausarztes rein zur Diabetesbetreuung erlaubt das Abrechnungssystem nicht.

Der § 50a vom Ärztegesetz, welches noch dazu ein Verfassungsgesetz ist, verscheucht durch sein Verdienstverbot diabetesberatende Krankenschwestern vom selbständigen Markt.

Die Universitäten haben die Bedeutung von Diabetes auch noch nicht erfasst. Angehenden Ärzten sollte nahegelegt werden, diabetesfit und insulinfit zu werden, weil wir in einem Alter von über 50 Jahren mit 50%iger Wahrscheinlichkeit zu Diabetes oder Ähnlichem neigen und es fast keine allgemeinen Ordination mit jüngerem Publikum gibt. Auch für jüngeres Publikum bilden die Lehrgänge zu wenig Ärzte aus.
Das soziale Leben von uns Diabetikern wird auch nur behindert. Strenge Regeln, wann, was und wieviel es zum Essen gibt, sind einzuhalten, weil eine wirksame Insulintherapie, welche die soziale Beweglichkeit unterstützt, mangels genügend ausgebildeten Ärzten und wegen fehlender Schulung nicht angeboten wird. Auch Beschwerden über Führerscheinprobleme kommen immer wieder. Eigenverantwortlicher Umgang mit unseren Problemen wird nirgends unterrichtet.

„Dr. Google“, der Gebrauch von Internet, Wikipedia und sonstigen Ratgebern, ist sehr lehrreich für wissbegierige Betroffene, wir bemerken dies aber auch durch zwei Entwicklungen:

  • es kommt fast niemand mehr zu Vorträgen und
  • es kommen keine jüngeren Mitglieder neu zu uns.

Daher zeichnet sich die allgemeine Lage einerseits sehr hoffnungsvoll, andererseits negativ aus.

Dr. Erich Wolfrum
Wien, im Oktober 2016




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