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Diabetes und Neuropathie

Die Nerven von Diabetes-Patienten können durch Neuropathien stark beeinträchtigt werden und in weiterer Folge zu einer massiven Schädigung des Peripheren Nervensystems führen.
Ein Vortrag von Dr. Wolfgang Waldschütz am Infotag der Aktiven Diabetiker 2016.

Die diabetische Neuropathie ist eine Erkrankung der Nerven, die bei Patienten mit Diabetes auftreten kann. Sie zerstört Nerven des sogenannten Peripheren Nervensystems. Statistisch gesehen sind etwa zwei Drittel der Diabetiker davon betroffen, bei rund einem Drittel bestehen zudem schmerzhafte Symptome. Die Ursachen der Entstehung einer diabetischen Neuropathie sind bisher nicht eindeutig geklärt. Hohe Blutzuckerspiegel schädigen die Blutgefäße, welche Nerven versorgen und führen so zu Sauerstoffarmut (Hypoxämie), setzen aber auch komplizierte Stoffwechselprozesse in Gang, die die Nerven selbst beeinträchtigen. Zu den Auslösern einer Neuropathie zählen neben Diabetes auch Alkohol, chronisches Tabakrauchen und verschiedene Medikamente bzw. chemische Substanzen.

Zwei Drittel der Diabetiker sind betroffen

Es lassen sich verschiedene Formen abgrenzen, je nachdem, ob sensible Empfindungsnerven (Haut, Gelenke) oder motorische Bewegungsnerven (Muskel) betroffen sind. Wenn das vegetative (auch: autonome) Nervensystem befallen ist, äußert sich dies mitunter in einer Störung verschiedener innerer Organe oder der Schweißsekretion. Das Herz-Kreislauf-System, der Magen-Darm-Trakt, der Urogenitaltrakt und viele andere Systeme des Körpers können betroffen sein. Ein gemeinsames Auftreten zwischen autonomer und peripherer sensorischer Neuropathie kommt in der Hälfte aller Fälle vor.

Klinische neuropathische Störungen des Herz-Kreislauf-Systems können Kollapsgefühl und Schwindel, Herzrhythmusstörungen sowie das Fehlen von Schmerzen bei normalerweise schmerzhaften (Schmerz als Warnsignal des Körpers!) Durchblutungsstörungen des Herzmuskels und Herzinfarkten sein (d.h. nicht wahrgenommene, sog. “stumme” Infarkte).

Hypoglykämien nach Insulininjektion und einer Mahlzeit können auf eine Magenentleerungsstörung als vegetative Störung des Magens ebenso hinweisen wie Übelkeit, Erbrechen, frühzeitiges Sättigungsgefühl, Völlegefühl oder Reflux. Durchfall, Verstopfung und/oder Inkontinenz können je nach betroffenem Abschnitt (Dünndarm, Dickdarm) weitere Symptome des Verdauungstraktes sein.

Mit dem Ultraschall können neuropathisch bedingte Störungen des Harntraktes wie z.B. Restharnbildung erkannt werden. Harnwegsinfekte treten gehäuft auf.

56% der starken Raucher von Erektionsstörungen betroffen

Bei bis zu 60% der Diabetiker tritt auch eine Erektionsstörung (Erektile Dysfunktion, ED) auf, die von der Dauer des Diabetes, der Blutzuckereinstellung und dem Patientenalter abhängt. Rauchen fördert die Entstehung von Erektionsstörungen. Nach einem Rauchstopp hat man aber gute Chancen, dass sich die Störungen wieder bessern.
Die Bedeutung des Rauchens für die Entstehung einer ED ist klar: 56% der starken Raucher sind von Erektionsstörungen betroffen. Untersuchungen zeigen zudem einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Anzahl der täglich gerauchten Zigaretten und dem Auftreten einer ED.

Für die Diagnose einer peripheren Neuropathie wird die Nervenleitgeschwindigkeit gemessen. Dabei wird ein schwacher elektrischer Impuls an mindestens zwei verschiedenen Stellen eines Nervs gesetzt und die Zeit bis zur Reaktion (Kontraktion) des dazugehörigen Muskels gemessen. Bei der Polyneuropathie ist die Nervenleitgeschwindigkeit meist vermindert.

Die Elektromyografie (EMG) ist eine Untersuchung zur Bestimmung der elektrischen Muskelaktivität. Eine Nadel-Elektrode misst dabei die Aktivität des Muskels in Ruhe sowie in Aktivität.

Das Elektrokardiogramm (EKG) kann Auskunft darüber geben, ob die autonomen Nervenfasern des Herzens von der Nervenschädigung betroffen sind und häufig nicht verspürte Herzrhythmusstörungen detektieren.

Eine Nervenbiopsie (dabei wird eine Nervengewebeprobe entnommen) wird nur sehr selten zur Abklärung einer Polyneuropathie angewendet und soll hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden.

Das diabetische Fuß-Syndrom (DFS) ist eine besonders häufige Folgeerkrankung bei Diabetes.
Die regelmäßige Inspektion der Füsse durch die Ärztin und die Betroffenen selber können ernste Schäden vermeiden. Patienten mit DFS weisen in vielen Fällen zudem regelhaft weitere Folgekrankheiten wie Herzerkrankungen, Nierenerkrankungen und Durchblutungsstörungen der Beine (sog. Schaufensterkrankheit) auf. Die Veränderung aller Nervensysteme (autonom, motorisch, sensibel) führt u.a. zu einer Verformung des Fußskelettes und dem Auftreten gestörter Druckbelastungen
unter dem Fuß. Verletzungen des Fußes durch zu enge Schuhe, falsche Nagelpflege, heiße Fußbäder usw.) werden – da sie oft schmerzlos sind – erst durch die tägliche Begutachtung oder eben zu spät wahrgenommen.

Die Überprüfung der Füsse erfolgt durch Sicht- und Tastkontrolle der Füße sowie Kontrolle der Nervenleitung durch Stimmgabel, Monofilament oder TipTherm.

Die Stimmgabel wird in Schwingung versetzt und an verschiedene Bereiche des Fußes gehalten. Die ausgewählte Frequenz liegt nicht im hörbaren Bereich, so dass die Schwingungen ausschließlich über den Körper wahrgenommen werden können. Spürt der Patient etwas, sind seine Nerven noch gesund. Dort wo er nichts merkt, sind die Nervenenden geschädigt.
Foto: Dr. Waldschütz



Das Monofilament besteht aus einem einzelnen, relativ steifen Kunststofffaden. Durch Aufdrücken des Monofilamentes bis zu dem Punkt, an dem es sich biegt, wird ein definierter Druck aufgebaut.

Fehlt beim Patienten die Wahrnehmung des Druckes, so besteht der Verdacht auf eine Neuropathie.
Foto: Dr. Waldschütz



Mit dem TipTherm wird die Fähigkeit der Temperaturunterscheidung (der TipTherm hat ein warmes und ein kühles Ende) untersucht.
Foto: Dr. Waldschütz



Fazit: Ein gesunder Lebensstil kann Folgeerkrankungen wie die diabetische Neuropathie vermeiden helfen.
Diabetiker sollten sich daher um ihren Diabetes kümmern, d.h. Zielwerte für Blutzucker, Blutdruck und Blutfette anstreben, Alkohol meiden, nicht rauchen und die Füsse regelmässig kontrollieren. Leidet man bereits an einer Neuropathie, kommen neben üblichen Schmerzmitteln verschiedene Medikamente, die ursprünglich zur Behandlung von epileptischen Anfällen und depressiven Erkrankungen entwickelt wurden, zum Einsatz. Eine Infusionstherapie mit der körpereigenen Substanz Alpha-Liponsäure (Thioctacid ) konnte in Studien
ebenfalls bei einigen Patienten einen signifikanten Rückgang der neuropathischen Beschwerden bewirken.

Aber auch nichtmedikamentöse Behandlungsformen wie Wärme- und Kältetherapien, Physiotherapie, Entspannungstechniken oder eine TENS-Behandlung (transkutane elektrische Nervenstimulation) gehören zum Therapiespektrum.

Foto: © Privat

OA Dr. Wolfgang Waldschütz
Wiener Gebietskrankenkasse, Gesundheitszentrum Wien Süd, Diabetes und Stoffwechselambulanz

1100 Wien, Wienerbergstraße 13

Telefon: 01 / 601 22-4265
E-Mail: wolfgang.waldschuetz@wgkk.at
Web: Externer Linkwww.wgkk.at




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ARTIKEL EMPFEHLEN | ARTIKEL DRUCKEN | Letztes Update: 27.02.2017 - 17:20 Uhr

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