Artikelanfang:
Die Niere – das vergessene Stiefkind
Vortrag von Doktor Josef DIGLAS, Facharzt für Innere Medizin und Endokrinologie, Leiter der Diabetesambulanz Mariahilf der WGKK, in der ADA Gruppe Pottendorf am 11. Februar 2008

40% der Neuzugänge an einer Dialysestation sind Diabetiker. Der Grund der Blutwäsche ist im Versagen der Nierenfunktion zu suchen, welche im Rahmen der so genannten Folgeschäden des Diabetes mellitus sukzessive geringer geworden ist. Zu diesen Folgeschäden, auch Spätkomplikationen genannt, gehören unter anderem Gefäßveränderungen, die an allen Organen, aber vor allem an Herz, Augen, zentralem Nervensystem, Blutgefäßen und eben auch der Niere zu Schäden und Funktionsverlust dieser Organe führen können.
Die Aufgabe der Niere ist eine mannigfaltige. Neben der Regulation des Flüssigkeitshaushaltes sorgt sie auch für den Elektrolythaushalt, die Ausscheidung von Giftstoffen und Stoffwechselendprodukten, ist an der Blutdruckregulation beteiligt und ist eng mit der Blutbildung, Hormonproduktion und dem Knochenstoffwechsel verbunden.
Die diabetische Nephropathie (Nierenerkrankung im Rahmen des Diabetes mellitus) ist die häufigste chronische Nierenerkrankung weltweit, kommt gleichermaßen bei Diabetes Melitus Typ 1 und bei Diabetes Melitus Typ 2 vor und ist mit einem sehr hohen Risiko verbunden, weitere Herzkreislauferkrankungen zu erlangen. So versterben ca. 10% der dialysepflichtigen Diabetiker innerhalb der ersten vier Wochen nach Beginn einer chronischen Nierenwäsche an einer Herzkreislauferkrankung; zwei Drittel der Diabetes Melitus Typ 2 Dialysepatienten versterben in den weiteren fünf Jahren! Auf Grund der Mehrfacherkrankungen der dialysepflichtigen Diabetiker ist eine Operation zur Nierentransplantation leider oft nicht möglich.
Der Verlauf der diabetischen Nephropathie ist ein stadienhafter. Anfangs findet sich eine geringe Eiweißausscheidung im Harn (Mikroalbuminurie), die Nierenausscheidefunktion ist noch normal. Im weiteren Verlauf nimmt die Eiweißausscheidung im Harn zu (Makroproteinurie), die Nierenausscheidefunktion (Filtrationsleistung) beginnt abzunehmen und führt bis zur Notwendigkeit einer Nierenersatztherapie (Blutwäsche), wenn die Niere ein Mindestmaß an Ausscheidungsfähigkeit verloren hat. Ab diesem Stadium schreitet die diabetische Gefäßerkrankung mit ihrem hohen Gefahrenpotenzial für Herzkreislauferkrankungen rasch weiter. Die Lebenserwartung sinkt rasch, die Lebensqualität ist nicht zuletzt auf Grund der mehrmals wöchentlich notwendigen Spitalsbesuche zur Blutwäsche sehr eingeschränkt. Eine weitere Variante der Nierenersatztherapie, die nicht so eng an ein Dialysezentrum gebunden ist, ist die Bauchfelldialyse, bei der der Patient selbst zu Hause (meist mehrmals täglich) über einen Katheter Entgiftungsflüssigkeit in die Bauchhöhle einfüllt und wieder ablässt. Der möglichst lange Erhalt der Nierenfunktion ist also anzustreben, um dem Patienten möglichst lange Unbill zu ersparen. Eine aktive Suche nach den Zeichen einer diabetischen Nierenerkrankung ist also sinnvoll, um rechtzeitig Schritte für die Prävention eines Fortschreitens des Nierenfunktionsverlustes zu setzen.
Das erste Zeichen einer diabetischen Nephropathie ist zumeist die Mikroalbuminurie, also eine sehr geringe Eiweißausscheidung im Harn. Weiters stellt die Mikroalbuminurie bei Diabetes Melitus Typ 2 einen eigenen Risikofaktor für Herzkreislauferkrankungen dar (siehe oben).
Die beginnende Nierenschädigung verläuft vom Patienten unbemerkt, später können unspezifische Zeichen über Müdigkeit, Lethargie, Konzentrationsschwäche bis zu Erbrechen und Lungenödem auftreten. Neben dem Diabetes sind erhöhter Blutdruck, Störungen im Fetthaushalt oder Rauchen als wichtigste Ursachen einer diabetischen Nephropathie / Albuminurie anzusehen, also Erkrankungen, die häufig als metabolisches Syndrom bezeichnet werden. Rauchende Diabetiker haben zirka doppelt so oft einen Nierenfunktionsverlust als nichtrauchende Diabetiker.
Die Bestimmung der Mikroalbuminurie erfolgt im Regelfall aus dem Morgenharn, die Bewertung und Interpretation des Messwertes ist nicht einfach, da viele Faktoren das Laborergebnis beeinflussen können.
Eine bestehende Mikroalbuminurie als Ausdruck einer beginnenden Nierenschädigung kann sich zu einem Nierenfunktionsverlust weiterentwickeln. Maßnahmen zur Progressionshemmung sind Lebensstilmodifikationen, optimale Diabeteseinstellung (HbA1c, aber auch Blutzuckerwerte vor und nach dem Essen), Blutdruckeinstellung (wenn möglich unter 120/75 mmHg), Cholesterinsenkung (LDL unter 100 mg/dl), Nikotinverzicht, Medikation und Reduktion / Normalisierung der Eiweißzufuhr sowie Einschränkung der Kochsalzzufuhr.
Vielen Dank für den interessanten Vortrag!
Ingrid Cemper
Text: Dr. Diglas