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Diabetes und Pubertät – ein Schleuderkurs
Vortrag von Frau Dr. Andrea Jäger, Preyer‘sches Kinderspital Wien, bei der ADA-Gruppe für Eltern von Kindern mit Diabetes in Wien
Frau Dr. Jäger, die selbst zwei Söhne hat und seit vielen Jahren Kinder und Jugendliche mit Diabetes betreut, hat mit viel Erfahrung und Einfühlungsvermögen ihren Vortrag und die anschließende Diskussion gestaltet.
Die Pubertät ist die Zeit der Reifung vom Kind zum Erwachsenen.
„Alles ist im Umbruch“
Körperliche und seelische Veränderungen treten ein, auch Interessen und Prioritäten ändern sich.
- Körperliche Veränderungen:
Hormonelle Veränderungen, ein wechselnder Tagesablauf, wechselnde körperliche Bewegung bringen einen stark wechselnden Insulinbedarf – Jugendliche brauchen häufig 50 – 80% mehr Insulin als Erwachsene!
- Seelische Veränderungen:
Diabetes macht die Identitätsfindung – Wer bin ich? Wo will ich hin? – Selbstbild – Selbstwertgefühl – Selbstzweifel – nicht gerade leichter.
- Veränderung der Ziele:
In der Pubertät wird die Peer-Group (gleichaltrige Gleichgesinnte) wichtig, das Interesse am anderen Geschlecht, Berufswünsche und –pläne treten in den Vordergrund.
Die notwendige Abgrenzung und Ablösung von den Eltern wird durch den Diabetes erschwert, denn die Eltern haben berechtigte Ängste und Sorgen:
- Geht mein Kind verantwortungsbewusst mit „seinem“ Diabetes um?
- Gefährdet es sich übermäßig bezüglich Spätschäden?
- Wie gehe ich damit um?
Schweigen?
Helfend eingreifen / „einmischen“
An die Vernunft appellieren?
Die Jugendlichen wollen sich abnabeln und probieren Liebe, Sex, Alkohol und Drogen aus, auch Essstörungen, vor allem bei Mädchen, treten auf.
Selbstwert und Diabetes:
Jugendliche mit Diabetes beschäftigen die Fragen: Bin ich weniger wert, weil „ich krank bin? “ weil „ich nicht perfekt bin?“,
Wie werde ich wahrgenommen?
Bin ich „hauptberuflich“ Diabetiker?
Jugendliche bringen häufig ein ‚geschöntes‘ Blutzuckerprotokoll (bessere Werte eingetragen, häufigere Messungen eingeschrieben)
Warum?
- „macht die Eltern nicht so traurig“
- „schützt vor lästigen Fragen“
- „schaut besser aus, auch für mich selbst“
Auch Manipulationen mit Insulin kommen bei 50 – 80% oder mehr der Jugendlichen vor (Erhebung von Prof- Dr. Schober & Rami, Univ.Kinderklinik Wien):
Überdosierung
- Managementprobleme (verrechnet, verschätzt)
- Vorbeugend – „Dann kann ich einfach drauflos essen“
- Zur Korrektur bei Bingeeating (Fress-anfälle)
- Highgefühl – ‚Hypo-Surfer‘ – Kontrollverlust wird angenehm erlebt.
- Selbstschädigung: „Es ist eh alles egal“ – Depression? Suizidal?
- Vor Arztbesuch – zur HbA1C-Verbesserung
Unterdosierung
- Managementprobleme (verrechnet, verschätzt)
- „Ich habe einfach vergessen“
- Diabetes verstecken / verheimlichen
- Angst vor Hypoglykämien
- Gewichtskontrolle
- Insulinpurging (to purge – entschlacken, abführen)
- Selbstschädigung – Depression?
Strategien für Eltern
- Im Gespräch bleiben
- Stellenwert des Diabetes leben
Die erste Frage morgens oder beim Heimkommen sollte nicht sein: „Wie ist dein Blutzucker?“
Welchen Stellenwert haben andere Themen, die die Jugendlichen interessieren? - Aufklärung über zu erwartende Probleme tut Not!
Sexuelle Erfahrungen: Verhütung!
Impfungen (Hepatitis B, HPV = Gebärmutterhalskrebs-Impfung)
Alkohol (Hypoglykämiegefahr! – Kontrollverlust!)
Drogen (Kontrollverlust!) - Verantwortung schrittweise abgeben
- Präsent und wachsam bleiben
Das Ziel ist die Eigenverantwortung der Jugendlichen.
Erwachsen sein heißt:
Tun, was man will und dafür die volle Verantwortung übernehmen.
Verantwortung übernehmen bedeutet beim Jugendlichen Freude und gesteigerten Selbstwert, aber auch Angst und Verunsicherung, Überforderung und die Tendenz zum Wegschauen.
Die Eltern sollten Schritt für Schritt die Verantwortung übertragen und nach und nach loslassen, aber bei Bedarf vorhanden sein!
In Frieden mit dem Diabetes leben – ein Wunsch für Eltern und Jugendliche!

Herzlichen Dank für den informativen, verständnisvollen Vortrag und die Zeit für die vielen Fragen!
Karin Reischl
Text nach Unterlagen von Dr. Jäger:
Dr. Helga Grillmayr
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