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Bericht über die allgemeine Lage

Bericht von Dr. Wolfrum bei der Generalversammlung im November 2011.

Langsam verändert sich bei mir die Stimmung – ich werde verärgert und sehe nur mehr die Möglichkeit, bösartig zu werden. Wir haben zwar ein sehr gutes Gesundheitssystem, jedoch auf der Diabetes-Therapieseite geht vieles nicht richtig weiter. Ich sehe Blockaden, wohin man nur schaut.

  • Die Anzahl der DiabetikerInnen in Österreich steigt explosiv an. OeDG spricht teilweise bereits von 700.000 Betroffenen, die Krankenkassen zählen Rezepte und landen bei 350.000, und wenn man uns mit Deutschland vergleicht und weiß, dass wir uns immer mit 10 % der deutschen Ziffern einschätzen, und wir im Deutschen Fernsehen von 10 Mio. DiabetikerInnen hören, dann müsste es bei uns 1 Mio. Betroffene geben. Nicht in diese fürchterlichen Ziffern eingeschlossen sind die Personen im Vorstadium (metabolisches Syndrom), die noch einmal fast die gleiche Höhe erreichen (Bauchumfang > 80/100 cm).
  • Im Vergleich dazu dümpelt die Anzahl der im ausgezeichneten „Therapie-aktiv-Programm“ eingeschriebenen Patienten weit unter 30.000 dahin – ich melde die genauen Zahlen in jedem ADA-Journal und schäme mich für unser System.
  • Die Aufforderung an die Ärzte, am Programm teilzunehmen, geht in einigen Bundesländern erstaunlich gut, in einigen gar nicht. Dort, wo es gut geht, werden auch ausführliche Schulungsprogramme für die Ärzte gestaltet, es wird endlich über den Ablauf einer guten Therapie, von Bewegung/Ernährung bis zur Insulinpumpentherapie gesprochen.
  • Schulungen werden noch viel zu wenig angeboten, nur Institutionen mit ausreichend Personalangebot sehen darin einen richtigen Weg, nachhaltig Therapieerfolge zu erreichen – diese werden jedoch umgehend eingestellt, wenn die Personaldecke knapp wird. Dann wird eben nicht geschult, manchmal sogar kein neuer Patient mehr aufgenommen.
  • Die Debatte über die zweite Ebene, also die Bezeichnung der Stellen, wohin ein therapieresistenter Patient hingeführt werden müsste, ist eingeschlafen, bzw. wird blockiert – dabei ist dies die grundlegende Maßnahme, die viele Schwierigkeiten beseitigt. Ich habe aber in diesen Tagen das erste Mal von Systemseite das Wort „Zwang“ im Zusammenhang mit hohem HbA1c, der vom Hausarzt nicht verändert werden kann, gehört.
  • Über Stolpersteine, die von den Krankenkassen im eigenen Verantwortungsbereich beseitigt werden könnten, spreche ich im ADA-Journal (1/2012) und ich bitte, dort nachzulesen.
  • In der aktuellen politischen Debatte sehe ich ein Unverständniss, welches ich nicht zu deuten weiß: Österreich hat ein Problem bei den Invaliditätspensionen, diese sollten untersucht und verringert werden (Min. Hundsdorfer), aber einen Zusammenhang mit Diabetes hat noch niemand angedacht. Dabei beginnt dieser Zustand in den Jahren, wo man über Pensionierung nachdenkt, und bremst die Arbeitskraft der Betroffenen extrem ein. Sicher weiß niemand, wie der Stoffwechselzustand bei den Antragstellern auf eine Frühpension wirklich ist, und was fehlt, um diesen Zustand zu verbessern, habe ich gerade beschrieben.

Ich kann genau nur über Wien sprechen, hier bekomme ich die täglichen telefonischen Meldungen. Und daher empfehle ich jeder/jedem, der in der Gesundheitspolitik Verantwortung übernommen hat, eine Telefonumfrage zu veranlassen an alle Stellen, die denkbar sind, mit dem Inhalt

  • „ich bin von Diabetes bedroht, bekomme ich bei Ihnen eine Schulung, um eine Krankheit zu vermeiden?“
  • „ich habe seit kurzem Diabetes, können Sie mich schulen, damit ich mir die Therapiemöglichkeiten aussuchen kann, und übernehmen Sie dann diese Therapie?“

Die ablehnenden Antworten und die endlos langen Terminzeiten kann ich mir vorstellen, unsere PolitikerInnen sollten dadurch zum Handeln aufgefordert werden.

Dr. Erich Wolfrum
Wien, im November 2011




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