Artikelanfang:
Wie fühlt sich das wohl an?!Frei von (Zucker)zwang
Man kann seinen Diabetes einfach hinnehmen. Man kann sich aber auch viele Fragen dazu stellen, deren Antworten einen oft selbst überraschen können…

„Immer diese unwilligen Patienten! Die sollen gefälligst auf mich hören, immerhin hab ICH Medizin studiert!“ Foto: © adpic.de / A. Raths
”Sie sollten unbedingt ihren Zucker besser kontrollieren! Erstens müssen Sie sich besser an die Diät halten. Außerdem wäre es wirklich wichtig, dass Sie Ihr Übergewicht loswerden und mehr Bewegung machen, ideal wären 4 mal 1 Stunde Sport pro Woche. Das habe ich Ihnen ja letztes Mal schon gesagt. Ich habe zwar selbst keinen Diabetes, aber ich weiß das natürlich viel besser als Sie – schließlich habe ich ja Medizin studiert und alle wichtigen Studien gelesen. An Ihrer Stelle würde ich mich schon mehr an die Empfehlungen halten, und ich muss Ihnen sagen, auch für mich als Arzt ist es unbefriedigend, einen Patienten zu haben, der nicht wirklich mittut….“
Kommt Ihnen das bekannt vor? Haben Sie schon solche Gespräche mit einem Arzt geführt? Und selbst wenn Ihre Erfahrungen mit Ärzten besser sind – wie sehr fühlen Sie sich selbst unter Druck, Blutzucker zu messen, Insulin zu spritzen oder Medikamente zu nehmen und bei jedem Essen darüber nachzudenken, was Sie genau essen sollten? Und wie oft haben Sie ein schlechtes Gewissen, weil sie vielleicht doch ein Stück Schokolade mehr gegessen haben oder wieder einmal nicht so viel Sport gemacht haben, wie Sie es sich schon seit langem vornehmen?
Wie wird wohl die Zukunft?
Ich selbst weiß (noch) nicht, was es heißt, mit Diabetes zu leben. Da meine Eltern beide Typ 2 Diabetes hatten, werde ich es aber mit großer Wahrscheinlichkeit auch einmal selbst wissen. Wie sehr fühlt man sich wohl als Diabetiker unter einem ständigen Zwang, sich an Vorschriften zu halten, alles genau zu kontrollieren und letztlich in seinem Leben ständig eingeengt – vielleicht so, als würde man ständig von einer Regenwolke über dem Kopf begleitet, egal wohin man geht.
Was ich aber weiß, ist, dass ich als Arzt bei meinen Patienten oft nur geringen Erfolg hatte, wenn ich wieder einmal die leidlich bekannten Empfehlungen herunterbetete. Angst und schlechtes Gewissen sind letztlich schlechte Motivatoren. Und seltsamerweise steuern wir Dinge, die wir um jeden Preis vermeiden wollen, häufig nur mit noch größerer – manchmal fast tödlicher – Sicherheit an.
Natürlich geht es beim Diabetes oft darum, Komplikationen zu vermeiden. Doch offensichtlich führen die Angst vor Komplikationen und das schlechte Gewissen oft genau in Richtung dieser Komplikationen. Wie sonst wäre die große Zahl übergewichtiger und bewegungsarmer Menschen in unserer Bevölkerung – und darunter häufig eben auch Diabetiker – zu erklären? Und sogar der Titel dieses Artikels „Wie fühle ich mich frei vom Zuckerzwang?“ verführt ja gerade dazu, erst wieder an den Zuckerzwang zu denken – eine paradoxe Situation!
Ohne die wichtigen Richtlinien im Umgang mit Diabetes infrage stellen zu wollen, bin ich demgegenüber der Überzeugung, dass für mich als Begleiter von Menschen oft weniger allgemeine Richtlinien als vielmehr die ganz individuellen und persönlichen Bedürfnisse und Ziele dieser Menschen als Leitlinien ihres Lebens auch für mich die Leitlinien meiner Begleitung darstellen. Und in diesem Sinne ist dann mitunter auch ein gut gemeinter Ratschlag wirklich nur mehr ein Schlag. Deswegen werde ich mich für den Rest dieses Artikels auch aufs Fragen verlegen – und Sie sind herzlich eingeladen, sich diejenige Frage auszusuchen, die Ihnen am besten gefällt. Apropos: Woran würden Sie eine gute Frage zu Ihrer Situation als Diabetiker wohl überhaupt erkennen?
Nur wer fragt, kann antworten
Ich beginne einmal ganz einfach:
Auf einer Skala von 1-10 – von 1 „ganz schlecht“ bis 10 „optimal“ – wie gut können Sie mit Ihrem Diabetes umgehen? (Und mit „umgehen“ meine ich nicht, wie gut Ihr Diabetes eingestellt ist, sondern wie sehr oder wenig Sie sich durch den Diabetes in Ihrem Leben eingeschränkt fühlen).

- Wo sind Sie auf der Skala gestanden kurz nach Beginn der Erkrankung?
- Wie sind Sie dorthin gekommen, wo Sie heute auf der Skala stehen?
- Woran würden Sie wohl bemerken, dass Sie eine Stufe höher stehen als derzeit? Was wäre dann anders? Was würden Sie dann anders machen?
- Wer außer Ihnen würde das wohl als Erster bemerken?
- Wann sind Sie zuletzt höher auf dieser Skala gestanden?
- Und was wäre Ihre Wunschposition auf der Skala „Umgang mit meinem Diabetes“?
Und eine vielleicht paradox anmutende Frage: Wenn Sie gar keinen „Zuckerzwang“ hätten – was wäre wohl die schlimmstmögliche Folge davon?
Noch eine Frage: Wenn der “Zuckerzwang“ gar nicht da wäre – was wäre dann wohl stattdessen da? Wenn es für diesen Zustand eine Überschrift gäbe, wie würde diese lauten? Vielleicht möchten Sie das Wort, das Ihnen dabei gerade einfällt, notieren, um noch etwas genauer darüber nachzudenken, was es für Sie ganz persönlich bedeutet. Vielleicht gibt es für dieses ganz persönliche Wort (ich möchte Ihnen jetzt bewusst keine allgemeinen Beispiele für mögliche „Überschriften“ geben) sogar eine bestimmte körperliche Empfindung (dies mag jetzt für manche von Ihnen etwas weit hergeholt scheinen, doch vielleicht hat dieses Wort in Ihrem Körper irgendwo tatsächlich eine Heimat.)
Und jetzt möchte ich noch etwas weiter ausholen: Was ist Ihnen überhaupt wichtig im Leben? Was müssten Sie wohl tun oder lassen, um das, was Ihnen wichtig ist, beibehalten oder erreichen zu können? Was müssten Sie tun, um es wahrscheinlicher zu machen?
Lassen Sie sich ruhig Zeit mit der Beantwortung dieser Frage, und ich bin sicher: Wenn eine gute Einstellung Ihres Diabetes für das Erreichen dessen, was Ihnen wirklich wichtig ist, eine Bedeutung hat, dann werden Sie auch mit viel größerer Selbstverständlichkeit darauf achten. Und zwar viel besser und natürlicher, als wenn Ihre Diabeteskontrolle nur auf Angst vor Komplikationen basiert.
Und angenommen Sie wären Ihr eigener Berater: Was würden Sie sich wohl raten?
Mit dieser Frage möchte ich mich auch schon wieder von Ihnen verabschieden und wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Beantwortung der vielen Fragen! Wenn Ihnen aber zu der einen oder anderen meiner Fragen Gedanken oder eigene Fragen gekommen sind, die Sie mir mitteilen möchten, so lade ich Sie herzlich ein dies zu tun!

Foto: © Martina Draper
www.medical-coaching.at