Zum Diabetes-Tag am 13. April im Wiener Rathaus: Diskussion über überfüllte Ambulanzen
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Erich Wolfrum (links) fordert, dass mehr Hausarzte die Diabetiker-Schulungübernehmen.
Stadt-Wien-Experte Hannes Schmidl will ein
Management-Programm starten.
Langes Warten auf Anbulanztermine: Diabetes Management könnte
besser sein, sagt Dr.Erich Wolfram von der Selbsthilfegruppe "Aktive Diabetiker
Austria".
Stadt-Wien-Gesundheitsplaner Hannes Schmidl will einen Ausweg gefunden haben.
Peter Illetschko ( Standard ) moderierte.
STANDARD: Etwa 300.000 Österreicher leiden laut
einer offiziellen Statistikaus dem Jahr2004an Diabetes. Nur wenige niedergelassene
Ärzte übernehmen die Verantwortung, ihre Patienten zu betreuen, die
meisten schicken die Zuckerkranken in Diabetes-Ambulanzen - die mittlerweile
überfüllt sind. Worunter wieder die Patienten leiden. Gibt es einen
Weg aus diesem Teufelskreis?
Wolfrum: Aus meiner Sicht gibt es derzeit nur eine mögliche Lösung
des Problems. Ein Teil der Spitalsgelder sollte zu den niedergelassenen Arzten
wandern. Ich sage einmal: 30 Prozent. Dann könnten sich die Spitäler
auf die wirklich Schwerkranken konzentrieren, und der Hausarzt könnte durch
eine frühzeitige Diabetiker-Schulung und fachkundige Betreuung dem Gesundheitssystem
viel Geld ersparen - nämlich indem die sehr teure Behandlung von Diabetiker-Spätfolgen
wie Nierenversagen im Spital gar nicht nötig wird, weil der Patient so
gut eingestellt ist.Heute ist, wie sie richtig sagen die Situation unerfreulich.Versuchen
Sie einen Rundruf unter zwanzig niedergelassenen Arzten,
und sagen Sie: .Ich habe Zucker.
Bitte um einen Termin." Die meisten werden Ihnen sagen, Sie sollen zum
Spezialisten gehen. Aber nicht so sehr, weil sie sich nicht kompetent genug
fühlen. Es zahlt ihnen niemand die Zeit, die sie für Zuckerkranke
aufwenden müssten.
Die Spezialisten aber arbeiten in Ambulatorien, und die sind überfüllt.
Einen Termin - ob für eine Behandlung oder eine Schulung - bekommt
man da nicht so bald
Schmidl: Der Ansturm auf Ambulanzen ist mitunter wirklich stark. Das
Ziel muss sein, dass Zuckerkranke von allen Arzten gut betreut werden, also
auch von Hausärzten. Ein Anfang ist, denke ich, getan: Wir haben nun für
Wien ein Disease-Management-Programm beschlossen
- nicht das erste seiner Art in Österreich, aber, wie ich glaube. ein Erfolg
versprechendes.
Fast 907.000 Euro von der Stadt Wien und der Sozialversicherung fließen
in das Programm, um Hausiirzte zu schulen, um Hausärzten auch die
Möglichkeit zu gehen, Diabetiker langfristig zu betreuen. Im ersten Jahr
wollen wir tausend Patienten erreichen, im zweiten Jahr zweitausend. Befristet
ist das Programm vorerst bis 31. 12. 2008.
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Diabetiker werden von Spitalsambulanzen oft vertröstet
und müssen zu lange Erich Wolfrum |
STANDARD: Das ist nicht lange. Gibt es eine Chance auf Verlängerung?
Schmidl: Sicher gibt es die. Das Programm wird laufend evaluiert. Wenn es erfolgreich ist, wird es sicher ausgebaut.
Wolfrum: 3000 Diabetiker in zwei Jahren? Es gibt Schätzungen,
wonach insgesamt 580.000 Osterreicher zuckerkrank sind. Da sind 3000 in
zwei Jahren recht wenig.
Schmidl: Sie rechnen offenbar eine unbekannte Dunkelziffer dazu?
Wolfrum: Das sind Zahlen, die man aus den Berichten der
Vereinten Nationen ableiten kann. Sicher muss man von einer weit höheren
Dunkelziffer
reden als von den offiziellen 300.000 bis 380.000. Es gibt ja unzählige
Diabetiker, die zum Hausarzt gehen und dort hören:
"Du hast einen leichten Zucker. Iss nicht zu viel Süßes, halte
dich!" Die kriegen keine Medikamente, scheinen also auch nirgendwo auf.
STANDARD: Gibt es denn einen leichten Zucker?
Wolfrum: Nein, man hat entweder Zucker, oder man hat ihn nicht. Man hat
ihn gut unter Kontrolle oder schlecht.
Aber behandelt gehört er. Aber es geht weiter: Wenn ich noch die Dickbauchigen
dazunehme - ab einem Bauchumfang von 82 cm bei Frauen bzw. 100 cm bei Männern
gilt man als gefährdet -, gibt es rund 1,5 Millionen Österreicher,
die eine Diabetes-Therapie oder eine Therapie zur Prävention der Zuckerkrankheit
brauchen. Was sind da 3000 Patienten?
Schmidl: Wir möchten einmal starten. Wir können nicht von null auf hundert gehen.
STANDARD: Sie rechnen damit, dass Hausärzte die Behandlung der Zuckerkranken übernehmen. Wie soll das möglich sein angesichts der überfüllten Wartezimmer?
Schmidl: Mithilfe der finanziellen Mittel sollte sich
ein Weg finden. Zweckmäßig wäre, dass der geschulte Arzt einen
Termin anbietet, den mehrere Diabetiker auch wahrnehmen können. Aufgrund
der meist kleinen Praxen wohl eher an einem anderen Ort, wo die Patienten gerne
hinkommen, eventuell in einer Volkshochschule. Die Ausbildungsfrage wird dann,
wenn wir das Programm erweitern, sicher auch anstehen.
Diabetes braucht einen interdisziplinären Ansatz, da reicht nicht allein
die medizinische Grundausbildung. Da müsste man auch psychologisch,
pädagogisch geschult sein, um die Patienten motivieren zu können.
Wolfrum: Der Ort der Schulung wird ein großes Problem. In Oberösterreich, wo ein ähnliches Programm - Diala heißt es - schon erfolgreich war, wird die Schulung in den Krankenkassen angeboten. In Wien wird das auch an einem neutralen Ort passieren müssen. Es wird nicht gehen, dass ein Hausarzt den Patienten zum anderen schickt - denn dann wird er ihn und damit auch Geld verlieren. Kein Diabetiker lässt sich vom Hausarzt 1 den grippalen Infekt hehandeln und vom Hausarzt 2 Diabetes - er wird gleich mit allem zu Hausarzt 2 gehen.
Schmidl: Da gebe ich Ihnen Recht, das sollte an einem neutralen Ort stattfinden.
Wolfrum: Eine Überweisung von Hausarzt zu Hausarzt
scheitert doch schon an einem Umstand: mit der E-Card können Sie im Quartal
derzeit nur
einen Arzt pro Fach aufsuchen. Das ist mühsam. Dann lässt man es dann
eben und versucht es bei einer Spitalsambulanz - und wird dort auf einen späteren
Termin vertröstet: Ist ja nur Diabetes, der tut ja nicht weh. - Mit bis
zu vier Monaten Wartezeit kann man rechnen.
Schmidl: Ärzte aus den bekannten Diabetes-Ambulanzen versichern mir glaubhaft, dass die meistenPatienten spätestens in der übernächsten Schulung Platz finden. Diese lange wartezeit kann ich mir nicht vorstellen. Bei Akutfällen wird man sicher sofort einen Termin bekommen.
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DerAnsturm auf Ambulanzen ist stark.
Das Ziel muss sein, dass Diabetiker von allen Ärzten, auch vom Hausarzt,gut betreut werden. Hannes Schmidl |
Wolfrum: Ja, sicher. Das streite ich nicht ab. Ich zweifle nur, ob das Personal, das die Termine telefonisch vergibt, gut geschult ist. Da wird man nicht selten auf sehr späteTermine vertröstet.
Schmidl: Wenn Sie Recht haben, müsste man selbstverständlich
etwas dagegen tun.
Mit einem integrierten Diabetes-Disease-Management-Programm dürfte es derartige
Probleme nicht mehr geben.
STANDARD: Gibt es ein Bildungsdefizit, was
Diabetes betrifft?
Gibt es die Diabetes-Zwei-Klassen-Gesellschaft?
Wolfrum: In manchen Bereichen ja. Vielfach wird Diabetes
noch auf die leichte Schulter genommen. Aber es gibt die Zwei-Klassen-Gesellschaft
nicht nur in puncto Wissen, sondern auch bei der Finanzierung des Krankheitsmanagements.
Manche können sich den Weg zu einem der hervorragenden
Wahlärzte leisten, der vielleicht eher einen Termin frei hat als die Ambulanz.
Manche müssen warten.
Schmidl: Der private Markt der Diabetologen ... Es ist klar, dass jeder auf seine Position und sein Einkommen schaut, das Gesundheitssystem begünstigt Kooperationen nicht gerade. Aber das muss man durchbrechen, zum Beispiel mit unserem Programm. Ichbin überzeugt. dass wir, wenn unser Programm greift, auch jene Patienten erreichen, die aufgrund einer sozial schlechteren Stellung den Zugang zur bestmöglichen Behandlung nicht so leicht finden.