home

Das große Unbehagen - Angriff auf die Ärztekammer

  Artikel 

Autor: Erich Wolfrum / Obmann der Selbsthilfegruppe Aktive Diabetiker Austria      / Oktober 2007

Das große Unbehagen
oder
Ein Angriff auf die Ärztekammer

Gerne gebe ich zu, dass wir in einem System leben, welches hervorragende Gesundheitserfolge aufweist - sicher auch dank der guten Zusammenarbeit der Ärztekammer mit allen anderen Mitspielern in diesem System.

Aber immer dann, wenn es mir um die bessere Versorgung der Diabetiker, um optimale Therapie bei Diabetes, um Vorsorge im enormen Bereich der Zivilisationskrankheiten geht, habe ich den Eindruck, als ob eine undefinierte Bremse eingeschaltet ist, irgendwo alle Verbesserungsversuche verhindert werden.Wenn ich den technischen Fortschritt der letzten Jahre betrachte, dann meine ich, er ist an den Verantwortlichen der Ärztekammer vorbeigegangen.

  1. Patienteninformationen im Internet: richtig oder falsch, auf alle Fälle zu beachten
  2. Abwicklung über Computer, nicht am Papier: wird systemweit abgelehnt
  3. Datenschutz: Experten meinen, dieser ist nur in gesicherten Computersystemen, nicht jedoch in Papierunterlagen gewährleistet... wird noch nicht akzeptiert
  4. eCard, elektronische Gesundheitsdaten, eHealth ... alles Begriffe, die abgelehnt werden
  5. Benchmarking, Systeme, die Ergebnisse aufzeigen und bewerten .... abgelehnt

1. Es gibt fast keine Patienten mehr, die beim erstmaligen Auftreten eines Leidens nicht versuchen, möglichst viele Informationen einzuholen - sei es selber, sei es mit Hilfe ihrer (jüngeren) Verwandten, die Übung bei solchen Nachforschungen haben. Dem Arzt steht nun ein Patient gegenüber, der viele Informationen, meist ungeordnet und unbewertet, mit sich bringt und die Aufgabe des Arztes sollte sein, diesen Zustand zu nützen und darauf eine gute Therapie aufzubauen. Zeige mir den Arzt, der gelernt hat, damit umzugehen, bzw. der diesen Zustand in seiner Therapie richtig anwendet.

2. Beim Disease Management Programm Diabetes 2, bei Therapie aktiv auf diesem Gebiet, wird noch mit Fragebögen gearbeitet. Diese Fragebögen sind die Grundlage der Abrechnung der Ärzte, sie dokumentieren die einzelnen Therapieschritte und deren Einhaltung. Ärzte jammern über Zeitaufwand und fordern dafür Honorar, im Spital ist ein solches System nicht administrierbar (Oberschwester bei 30 Patienten = 1,5 h Zeit nur für Fragebogen). Wie leicht wäre es, ein Computer-Vernetzungsprogramm auf allen relevanten Computern zur automatischen Erstellung solcher Fragebögen zu installieren.


3. Datenschutz: hier wird das Pferd falsch aufgezäumt. Zurzeit verboten ist der Umgang mit heiklen Daten durch Unberechtigte, mit dem Resultat, dass im Notfall niemand in diese Daten Einsicht hat (gentechnisch definierte Blutereigenschaft unbekannt für Notfallarzt oder Operateur), dies alles, um angeblich Patienten vor Missbrauch auf sozialem Bereich (Versicherungen, Arbeitgeber) zu schützen. Eine verstärkte Strafbarkeit von Missbrauch (Bankdirektor strafen bei Verweigerung der Versicherung für Diabetiker) und Freigabe des Umganges mit den Daten sehe ich für zielführender. Ich will als Patient einfach im Notfall alle meine Daten im Computer jedem behandelnden Arzt einsichtbar haben, von alten Röntgenaufnahmen bis falschen Therapieschritten vor vielen Jahren. Und schützenswert ist da gar nichts, wenn jede Apotheke meine Medikamente über das Computersystem abrechnet und daher der soziale Schutz durch Einsicht in diesen Vorgang unterlaufen wird.

4. Elektronische Hilfsmittel: erst der Einsatz von Computerauswertungen unserer BZ-Messgeräte gab uns die Möglichkeit der Feststellung, dass nicht wir unfolgsame Patienten sind, sondern die ärztlich verordnete Therapie uns in die fehlgeleitete Situation gebracht hat, also ein ärztlicher Fehler vorlag. ("iatrogen"...wie Howorka gerne betont). Elektronik ermöglicht die rasche Zuweisung von teuren Medikamenten durch die kontrollierenden Instanzen der Geldgeber, sie sollte auch zur Überprüfung der Effizienz der bezahlten Maßnahmen dienen. In modernen Zeiten, in welchen wir heute leben, ist eine "Steinzeit-Medikation" über geschriebene Rezepte überholt, zu arbeitsintensiv und zu teuer.


5. Die eCard mit allen Aufzeichnungen, die im Zuge dieser Entwicklung von Computern gesammelt und den Ärzten zur Verfügung gestellt werden, beweisen die Zweckmässigkeit, die Richtigkeit einer Therapie, es wird gnadenlos der "unfolgsame" Patient, der unbedachte Arzt aufgezeigt und kann nach Jahren an Hand der erzielten Ergebnisse überprüft werden. Wir als Patienten wollen aber bereits vor Beginn einer Therapie wissen, wie sattelfest mein Arzt - und wir haben noch freie Arztwahl - auf welchem Gebiet ist. Gerade dieses Ansinnen lehnt die Ärztekammer ab: kein Arzt darf mit schönen Ergebnissen seiner Therapie an die Öffentlichkeit, wir wissen nicht, zu welchem Spezialisten wir gehen sollen. Dabei wird das ärztliche Wissen immer umfangreicher, immer mehr zum Spezialwissen auf den verschiedensten Gebieten ... warum darf ein Hausarzt nicht zum anderen Hausarzt, der gerade irgendwo Spezialist ist, querverweisen, ohne seinen Patienten zu verlieren ? Und warum wird das Ergebnis der Computeraufzeichnungen nicht durch ein Schulungsprogramm begleitet, durch welches Fehlverhalten der Ärzte durch kammerinterne Schulungen verbessert wird (zur Zeit schaut in fast keiner Hausarztordination der Arzt auf die Füße der Diabetiker - wann wird diese Vorschrift endlich eingehalten ?)

Das Vorgehen der Ärztekammer, welches ich in den letzten Jahren - oft durch sehr aktive Mitarbeit - beobachten konnte, ist bei den meisten Arbeitsgruppen immer:

- es kommt kein Partner der Kammer in die Arbeitsgruppen
- es muss erst ein fertiges Konzept vorhanden sein
- und dies kann dann abgelehnt werden

Diese Verweigerung der aktiven Mitarbeit beim Erstellen von Konzepten hat endlich aufzuhören. Die Ärzte in der Kammer sind ja nicht Selbstzweck, sondern sie arbeiten für ihre Patienten - also sollen sie auch mitarbeiten, wenn um neue Therapiewege gerungen wird.

Im Einzelnen sieht dies oft so aus:

 

Abschliessend möchte ich noch meine innere Wut über die Entwicklung im Waldviertel aussprechen:

In Haidenreichstein wollte Ruth Stimmeder und ich gemeinsam mit Prim. Prof. Dr. Bratusch-Marrain interessierten Ärzten einen Schulungstag Diabetes anbieten und haben dieses Vorhaben vorab Ärztekammer und Krankenkasse vorgelegt in der Annahme, dass beide Institutionen freudig zustimmen und teilnehmen werden.
Die eisige Ablehnung gipfelte in der Tatsache, dass von 150 eingeladenen Hausärzten nur ein einziger zusagte, alle anderen uns "nicht einmal ignorierten", sichtlich eine von der Kammer gut gesteuerte Ablehnungsfront.

Sollten wir Patienten den Wunsch haben, bei der Erstellung unserer Therapien mitzureden, mitzubestimmen, dann müssten wir versuchen, in Gesprächen um die oben geschilderten Vorgänge und Gegebenheiten teilzunehmen.

Bis heute gelingt uns dies viel zu wenig.

Wien, Oktober 2007

Autor: Erich Wolfrum / Obmann der Selbsthilfegruppe Aktive Diabetiker Austria      / Oktober 2007

Artikel